Felix Hartlaub im Deutschen Literaturarchiv lesen und entdecken

Das erste Schülerseminar im Schuljahr 2015/16 befasst sich mit dem Autor Felix Hartlaub.

Bislang gehört Felix Hartlaub zu den großen Unbekannten in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Mit gerade einmal 32 Jahren verliert er 1945 sein Leben in den Wirren der Schlacht um Berlin. Schilderungen und Prosaskizzen aus dem Berlin der 30er Jahre, sowie Hartlaubs bedrückende Impressionen aus dem besetzten Paris sind Gegenstand des Schülerseminars. Einen besonderen Schwerpunkt stellen die privaten Zeichnungen und Karikaturen Felix Hartlaubs dar.

Der Nachlass von Felix Hartlaub befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, wo sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Schülerseminars auf Spurensuche begeben und dem bislang unbekannten Autor Felix Hartlaub in seinen Texten, Zeichnungen und Karikaturen nachspüren und begegnen.

Höhepunkt des Schülerseminars ist die Teilnahme an der Abendveranstaltung „Karikaturen aus dem Nachlass von Felix Hartlaub“, bei der die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit haben werden, mit Andreas Platthaus, dem neuen Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zu diskutieren.

Projekterfahrungen
I.
Zum Einstieg in das neue Projekt „Felix Hartlaub“ beschäftigten wir uns mit der Frage, was sich unsere Eltern für unsere Zukunft wünschen und verglichen die Ergebnisse mit einer satirischen Zeichnung von Felix Hartlaubs Schwester Geno. Anschließend ging es für die meisten von uns zum ersten Mal hinunter in den „Hochsicherheitstrakt“ des Deutschen Literaturarchivs. Dort wurden wir von einer Expertin des Archivs, Frau Dr. Nikola Herweg, mithilfe zahlreicher Handschriften über den Lebenslauf Felix Hartlaubs aufgeklärt. Es war erstaunlich, wie viel über sein kurzes Leben bekannt war. Das meiste davon weiß man aus den Familientagebüchern, die von den Eltern geführt wurden, in die auch wir Einsicht erhielten. Doch sein Tod wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben: In den Wirren der Schlacht um Berlin im Jahre 1945 verliert sich seine Spur.
Michelle Pucciarelli

II.
An einem weiteren Tag im Literaturarchiv schauten wir uns zum ersten Mal die Texte des jungen Autors Felix Hartlaub genauer an.
Seine Zeit war geprägt vom Nationalsozialismus, genauso auch sein Leben und seine Geschichten.
Er erzählt von den düsteren Stimmungen, dem grauen Alltag und den Vorboten des Judenhasses und dem Krieg.
Doch neben seinen Geschichten hatte er auch unzählige Briefe geschrieben. Einen  noch unveröffentlichten Brief  bekamen wir als Kopie zur Verfügung gestellt, um ihn selber zu editieren.

Jessica Schiller

III.

Auszug aus dem Interview mit Andreas Platthaus. Das Interview entstand im Rahmen der öffentlichen Diskussion zum Thema „Felix Hartlaub und die Karikatur im Nationalsozialismus“ mit Andreas Platthaus und Nikola Herweg am 3.12.2015. Die Fragen stellte Michelle Pucciarelli. Das ganze Interview wird in der nächsten Ausgabe der Schülerzeitung erscheinen.

•    Was finden Sie an Karikaturen im Nationalsozialismus so interessant?
"Dass es überhaupt welche gegeben hat. Karikatur war ein Begriff, den die Nazis komplett abgelehnt haben, es gab nur die Pressezeichnung. Die Presselandschaft im Nationalsozialismus war extrem reguliert und man konnte überhaupt nur publizieren, wenn man eingeschriebenes Mitglied der Reichsschrifttumskammer und anderer Standesorganisationen war. Das galt ganz besonders für die Pressezeichner, es gab überhaupt nur knapp mehr als hundert von ihnen, die in Deutschland in der Liste eingetragen waren und damit auch Karikaturen veröffentlichen konnten. Die Karikatur hat für mich das Prinzip, dass sie sich nicht auf die Seite der Macht schlägt, sie ist per se kritisch, sonst ist es in meinen Augen keine Karikatur. Man kann von einem Zerrbild oder von einem Witzbild reden, aber nicht von einer Karikatur in dem Sinne, wie sie sich pressegeschichtlich entwickelt hat. Das kann natürlich in einer Diktatur nicht funktionieren, in der zwangsweise alle Karikaturen dem Zwecken des Staates dienen. Das heißt, das was wirklich interessant ist an der Karikatur im Nationalsozialismus, sind einerseits die Dinge, die inoffiziell gelaufen sind. Es gab natürlich auch bei den Nazis Untergrundzeitschriften, private Karikaturen, die nicht für die Publikation bestimmt waren. Die sind ästhetisch und karikaturesk betrachtet interessanter als das, was offiziell in den Zeitungen war. Andererseits gibt es die wenigen, aber dafür umso bemerkenswerteren Karikaturisten, die schon in der Weimarer Zeit begonnen hatten und tatsächlich unter den Nazis weitergearbeitet haben, großartige Zeichner. Der für meinen Geschmack allerbeste deutsche Karikaturist den es gab, Erich Ohser, hat unter den Nazis gezeichnet. Und da ist es sehr spannend zu sehen, wie ein riesiges Talent und eine fantastische ästhetische Befähigung pervertiert und in den Dienst des Staates gestellt wird. Das hatte Gründe, und Erich Ohser hat später in Gestapohaft auch Selbstmord begangen. Er ist weiß Gott kein Nazifreund gewesen, aber er hat immerhin elf Jahre lang unter NS-Bedingungen gearbeitet. Um sich klar zu machen, was da passiert ist, muss man sich diese Bilder ansehen, und das macht es so spannend. "

•    Wie sind sie auf Felix Hartlaub gestoßen?
"Felix Hartlaub kannte ich als Schriftsteller, er hat einen Ruf wie Donnerhall. Nicht weil er so wahnsinnig berühmt wäre, so viele Leute kennen ihn nicht. Aber wenn man sich überhaupt dafür interessiert, was in der Literatur der Fünfzigerjahre in Deutschland passiert ist, und nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch aus der Wahrnehmung Frankreichs betreffs Deutscher Literatur, kommt man an Hartlaub nicht vorbei. Hartlaub ist ja 1945 verschollen, man weiß nicht, was mit ihm passiert ist. Er ist vermutlich in Berlin in den letzten Tagen des Krieges gestorben, wie, weiß man nicht, aber er ist jedenfalls nie wieder aufgetaucht. Es gab so gut wie nichts publiziertes von ihm, er hat nur als Schüler einmal eine Erzählung veröffentlicht und alles, was wir von ihm kennen, sind Dinge, die in der Familie als Manuskripte überlebt haben oder irgendwo aufgefunden wurden, und die dann in den Fünfzigerjahren von seiner Schwester zum ersten Mal, teilweise stark bearbeitet, aber dann doch so, dass es großes Faszinosum erweckte, herausgekommen sind. Das war ein unglaublicher Erfolg wegen einer Art des Schreibens, die man eben auch, ähnlich wie ich es eben bei den Karikaturen sagte, der nationalsozialistischen Zeit nicht zugetraut hätte. Hartlaub ist ganz klar die Kafka-Schule, ein begeisterter Kafka-Leser, und ich kenne auch kaum einen deutschen Autor, der so früh schon so Kafka-ähnlich geschrieben hat. Es wäre sicher sehr spannend gewesen, zu verfolgen, was aus dem geworden wäre. Aber man muss natürlich schrecklicherweise sagen, dass das Faszinosum dieses frühen Todes, das Nicht-genau-wissen, wie es sich um diese Person verhält, sehr viel dazu beigetragen hat, dass er auch wiederum in bestimmten Kreisen sehr neugierig wahrgenommen wurde. Damit ist er immer noch kein wahnsinnig bekannter Autor geworden, aber ein hochanerkannter, und wenn man denn mal Lust hätte etwas wirklich Anspruchsvolles aus der Literatur dieser Jahre zu lesen, dann ist man mit Hartlaub extrem gut bedient."

Bild 1: Chris Korner, Deutsches Literaturarchiv

Bild 2: Vanessa Greiff (Michelle Pucciarelli im Gespräch mit Andreas Platthaus)

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